Was tun, wenn man als vom Geist des Rock ‘n‘ Roll infizierter Teenager seine erste Band gegründet hat, in der Niedersächsischen Provinz lebt – und es in dieser schlicht und ergreifend an Auftrittsgelegenheiten mangelt?

Bild: Die Firmengruender Dirk Wink-Hartmann (l.) und Michael Schacke im undercover-Buero in Wense (2003)

Im Fall der Knesebecker Jungs Michael Schacke und Dirk Wink-Hartmann, beste Freunde schon seit ihrer gemeinsamen Grundschulzeit, wird nicht lange gefackelt. Die beiden stellen ihre ersten Konzerte gemeinsam mit ihren Band-Buddies einfach mal eben selbst auf die Beine: Irgendeine Räumlichkeit mieten, Bandfotos machen, Flyer und Plakate entwerfen, drucken, verteilen, aufhängen – und ab auf die selbstgebaute Bühne. Volles Risiko, immer nach dem Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Manchmal geht das hübsch daneben, manchmal klappt das erstaunlich gut: Für ein letztlich ausverkauftes Indoor-Festival im Schützenhaus in Knesebeck können Fury in the Slaughterhouse als Headliner gewonnen werden, die eigene Band Royal M Parade wird – na klar – clever als Vorgruppe platziert. Wir befinden uns jetzt im Jahr 1991, und Michael und Dirk, die ganz nebenbei gelernt haben, wie die Sache mit den Live-Veranstaltungen so grob funktioniert, fragen sich jetzt: Worauf warten? Das Geld, das bei diesem Konzertabend verdient wurde, kann man doch prima als die benötigte GmbH-Einlage nutzen. Und so besiegeln Michael und Dirk am 13. September 1991 – nur wenige Jahre nach den ersten Gehversuchen – per Handelsregistereintrag die Gründung der Veranstaltungsagentur undercover. Geschäftsfeld zunächst: „Örtlicher Veranstalter“.

Zu diesem Zeitpunkt haben die beiden musikbegeisterten Jungunternehmer ihren Lebensmittelpunkt bereits in die Löwenstadt verlegt, und die Region Braunschweig wird zu ihrer zweiten, nämlich ihrer beruflichen Heimat.
Live-Veranstaltungen also: immer schön im unternehmerischen Risiko – bei jeder Show. Zunächst wird aus der WG in der Wolfenbütteler Straße heraus operiert, etwas später erfolgt der Umzug in die Celler Straße – das erste offizielle undercover-Büro.

1994 bereits stellen Michael und Dirk das erste große undercover-Open-Air in Braunschweig auf die Beine, mit einem beeindruckenden Line-up: An diesem besonders heißen Tag treten neben Terry Hoax, The Bates, den Lemonbabies und Selig die Ärzte als prominenter Headliner an – und auch Royal M Parade ist mit von der Partie. Es ist eines der größten Open-Air-Konzerte in Braunschweig, die auftretenden Künstler und das Publikum sind gleichermaßen begeistert, doch finanziell ist die Nummer ein absolutes Fiasko. Egal. Man hat Geld verloren, aber Spaß gehabt. 1994 holen Michael und Dirk die berühmt-berüchtigte US-Hip-Hop-Band Boo-Yaa T.R.I.B.E. ins legendäre FBZ in Braunschweig, ein denkwürdig wildes Konzert … und gehen direkt noch einmal finanziell baden. Aufgeben? Das steht keinen Moment zur Debatte. Also aufstehen, den Staub abschütteln, weitermachen.
1995 gelingt es Michael und Dirk, die Pantomimenlegende Marcel Marceau in die Braunschweiger Stadthalle zu holen, und mit der ersten großen Live-Comedy-Welle bekommen die beiden Veranstalter den Fuß erstmals nachhaltig in die Tür. Rüdiger Hoffmann, Hans Werner Olm, Helge Schneider und das Frühstyx-Radio sind erste Comedy-Acts, die sich auf ein „Tête-à-Tête“ mit undercover einlassen, und die schnell das beherzte Engagement der Firma zu schätzen lernen. Und wer zufrieden ist, der klopft beim nächsten Mal gerne wieder an.
Zur gleichen Zeit wagt sich undercover auch an die Durchführung von Konzerten mit internationalen Acts in Braunschweig, und in den kommenden Jahren werden u.a. Größen wie Art Garfunkel, Donovan, Captain Sensible, Jonas Hellborg und Fish in die Region gelockt, 1996 veranstaltet undercover erstmals Die Toten Hosen in der Region.

Mit dem wachsenden Erfolg der Firma wachsen auch die Aufgaben, 1997 folgt schließlich der Umzug in das Gebäude einer ehemaligen kleinen Schule in Wense – eine räumliche Vergrößerung, die dem Anwachsen des undercover-Teams geschuldet ist.

Ab 1998 startet undercover mit der regelmäßigen Veranstaltung von Clubkonzerten in der Meier Music Hall, wo das Publikum in den ersten Jahren Acts wie Alannah Myles, Tito & Tarantula, Vivid, Echt, Peter Green und die H-Blockx zu erleben die Gelegenheit hat. Ab 1998 bereits wird dann auch das Geschäftsfeld „Tourneeveranstalter“ beackert, zunächst mit den Acts Rosenfels, Hans Werner Olm und der Musical-Revue The Golden Memories Of Elvis, und es wird ein erstes große Open Air auf dem Hof des Schlosses Salder bei Salzgitter realisiert, wo dann unter anderem die Legende Ritchie Blackmore, Fury in the Slaughterhouse und Reamonn zu erleben sind.

Ab 1999 wagt sich undercover an die Ausrichtung erster „en suite“-Serien – mit damals schwer angesagten Themen wie Stomp, Gaelforce Dance und Riverdance. Auch von undercover erfolgreich veranstaltete Produktionen wie „Pipi in Taka-Tuka-Land“ oder „Sesamstraße“ zeigen:  undercover hat keine Scheu, sein Know-how auch im Bereich Family-Entertainment anzuwenden. Aber immer wieder gibt es denkwürdige Anstrengungen, die Clubmusiklandschaft mit heißen Themen zu beleben, und so startet um das Jahr 2000 herum die Kooperation mit dem Jolly Joker in Braunschweig. Es folgen viele interessante Club-Konzerte, aber auch weitere Großkonzerte werden in Braunschweig von undercover gerockt, so 2001 der Auftritt von Peter Maffay im Eintracht Stadion, 2002 das Ozz Fest in der frisch eröffneten Volkswagen Halle – mit Ozzy Osborne selbst, Tool, Oomph!, Bad Religion und Such A Surge – und 2003 dann die MTV-Unplugged-Show der Fantastischen Vier in der Volkswagen Halle. In Kooperation mit Hannover Concerts holt undercover bereits 2001 Him in die Landeshauptstadt – was zeigt, dass man in dem harten Geschäfts durchaus auf Kooperation setzen kann, anstatt auf Konkurrenz.

In sein aufregendes, aber atemloses Leben als Veranstalter integriert Michael ab 2000 auch noch irgendwie eine Mitgliedschaft im Vorstand des IDKV (heute bdv), einem der wichtigsten Verbände  im Bereich Veranstaltungswirtschaft, wo Michael bei der Durchsetzung der Anerkennung des Ausbildungsberufes „Veranstaltungs-Kaufleute“ mitzuwirken Gelegenheit hat – für ihn eine Herzensangelegenheit. Seit 2001 setzt undercover selbst folgerichtig konsequent auf die Ausbildung von Nachwuchskräften – schwerpunktmäßig im Bereich „Veranstaltungs-Kaufleute“. Erklärtes Ziel ist, möglichst vielen der undercover-Azubis eine Perspektive im eigenen Haus bieten: Zur heutigen, aktuell 25-köpfigen undercover-Mannschaft gehören vier Auszubildende und sieben ehemalige!

Das Wachstum der Firma nimmt ab 2003 weiter an Fahrt auf, als sich undercover erstmals daran wagt, als bundesweiter Tourneeveranstalter für einen Star im Aufwind zu agieren, nämlich für die Künstlerin Jeanette Biedermann, ab 2004 wird vom undercover-Tourneedepartment die blutjunge Band Silbermond unter Vertrag genommen. Das ist der Beginn einer erfolgreichen Partnerschaft, die bekanntlich Spuren in der ganzen Republik und darüber hinaus hinterlassen und den Umkreis des Wirkens von undercover immens erweitert hat – und deren Ende nicht abzusehen ist (mittlerweile wird Silbermond von Michael Schacke auch Management-seitig betreut).

2007 kommt mit der Realisierung der ersten Ausgabe von POP MEETS CLASSIC in Braunschweig ein weiteres Geschäftsfeld hinzu, nämlich die Entwicklung und Realisierung der Eigenproduktionen von undercover.

undercover wächst also weiter, und die Vielzahl ihrer Aktivitäten mag für Außenstehende langsam unübersichtlich werden. Daher im Folgenden ein kleiner chronologischer Überblick über ein paar weitere wichtige Stationen in der Historie der Veranstaltungsagentur:

Bild: Das heutige undercover-Headquarter am Waller See

  • seit 2004: erste eigene Veranstaltungsserien wie z.B. die Open-Air-Konzert-Reihe auf der Volksbank BraWo Bühne
  • 2004: erste „Goldene Schallplatte“ für die Abwicklung der „Break On Through“-Tour von Jeanette
  • 2005: Live Entertainment Award (LEA) für „Herausragendste Club-Tournee“ für die Arbeit mit Silbermond
  • 2006: Elton John im Stadion Wolfsburg
  • 2006: „Braunschweig rockt“ mit Die Toten Hosen, Silbermond und Madsen im Eintracht-Stadion
  • seit 2006: Organisation und Durchführung des Braunschweiger Magnifestes für die kommenden 11 Jahre (bis 2016)
  • 2007: Umzug ins eigene, neu erbaute Headquarter am Waller See
  • ab 2007: Realisierung der Braunschweiger Ausgabe von POP MEETS CLASSIC
  • seit 2008: bundesweiter Tourneeveranstalter für Bosse
  • von 2010 bis 2013: undercover fungiert als Tourneeveranstalter und Management für Silly
  • von 2010 bis 2016: Tourneeveranstalter für Frida Gold
  • 2010: ECHO für Silbermond als „Live Act des Jahres“
  • weitere Eigenproduktion ab 2010: „Klassik im Park“ im Bürgerpark in Braunschweig
  • 2011: 20-jähriges Firmenjubiläum und Platz 55 auf der Veranstalter-Weltrangliste
  • ab 2011: weitere neue Eigenproduktionen im Rahmen vom Braunschweiger Wintertheater
  • ab 2011: Signing von Wingenfelder, Matze Knop und anderen durch das Tourneedepartment
  • 2012: LEA-Award als „Tourneeveranstalter des Jahres“ im Zusammenhang mit den Silbermond-, Silly-, Bosse- und Frida Gold-Tourneen
  • seit 2012: Partner des NDR 2 für das jährliche NDR 2 Soundcheck Neue Musik Festival in Göttingen
  • 2013: Beginn der Management-Tätigkeit für Silbermond, Auslagerung der Management-Aktivitäten in die undercover management GmbH
  • 2013: Signing der deutschen Indie-Pop-Band Tonbandgerät, dem irischen Power-Folk-Rocker Ryan Sheridan und der dänischen Künstlerin Ida Gard
  • 2015: Open-Air-Konzert von Herbert Grönemeyer im Eintracht Stadion und Konzert von Bob Dylan in der Volkswagen Halle in Braunschweig
  • 2016: Signing der aufstrebenden Deutschpop-Band Lupid und dem britischen Künstler Luke Friend durch das Tourneedepartment, erste Musikverlagstätigkeiten mit der in Hamburg lebenden Jazz-Pop-Künstlerin Joscheba
  • ebenfalls 2016: Mit „Spiel mir das Lied vom Löwen“ Realisierung einer weiteren Eigenproduktion in Kooperation mit der Firma monofon; „Spiel mir das Lied vom Löwen“ wird auf Anhieb zu einem sensationellen Erfolg wird; Fortsetzung folgt …

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Bild: Aktuelle undercover-Geschaeftsfuehrung – Axel Horn (l.) & Michael Schacke (2016) © Ausdrucklos Sascha Hahne

Im Jahr 2016 dann feierte undercover das 25-jährige Jubiläum. Vieles hat sich in der Veranstaltungsagentur seit ihren Anfängen verändert, es gab diverse Professionalisierungs-Schübe und Anpassungsprozesse, auch schwierige, wie z.B. den, der erfordert war, als sich Dirk Wink-Hartmann aus privaten Gründen aus der Firma zurückziehen musste. Aber eines gab es nie in der Firma, in der vielleicht alle Beteiligten immer ein bisschen zu viel arbeiten: Stillstand. Auch 2016 ist ein sehr bewegtes undercover-Jahr. So wurde u.a. der langjährige undercover-Mitarbeiter Axel Horn – ehemals Musiker bei und später Manager von Such A Surge – von Michael in die Geschäftsführung berufen.

Doch bei aller Bewegung steht die Veranstaltungsagentur undercover auch für Verbindlichkeit und Konstanz. Vor allem Eines hat sich hier über all die Jahre erhalten, und das ist die Leidenschaft und die Begeisterung für das Livegeschäft, die am Waller See einfach abzufärben scheint.
Zumindest was das undercover-Team selbst betrifft, gibt es keinen Zweifel: So darf es gerne weitergehen … also auf die nächsten 25 Jahre. Zum Wohl.